Sein und Schein
Ich bewege mich in letzter Zeit sehr häufig mit dem ICE auf der Strecke Hamburg-Berlin und zurück. Neulich habe ich früh morgens zwischen 5:54 und 7:40 Uhr z.B. einen ganzen Song gebastelt und diesen dann nur eine Woche später uraufgeführt. Und heute habe ich zwischen 20:18 und 22:00 Uhr ein paar Gedanken aufgeschrieben. Zur Abwechslung mal in Deutsch – ich denke ja schließlich auch nicht in Englisch.
Ich würde mich durchaus als realitätsnah, oder bodenständig, der Sachlichkeit nah bezeichnen. Ich kann mit Religiösität oder Drogen nicht viel anfangen und bei “Cyberspace” kam mir schon immer das Kotzen. Ich mag es, wenn die Dinge (oder Filme) “realistisch” sind. Greifbar. Nachvollziehbar. Wenn Ratio und Emotio gut ausbalanciert sind. Wenn Intelligenz im Spiel waren und Logik …
È tutto molto semplice? Von wegen, es ist alles überhaupt nicht so einfach.
Realität hat vor allem etwas mit Wahrnehmung zu tun, und die ist erstens bei jedem anders und zweitens manipulierbar. Des einen Realität ist des anderen Realitätsverschiebung. Der Schein trügt gerne: die Tatsache, daß sich die meisten Celebrities für Magazin-Titelseiten so zurecht retuschieren lassen, wie sie sich selbst am besten gefallen, müssen wir hinnehmen. Auch wenn sie real eigentlich anders aussehen, so ist ihr Medienabbild dennoch eine existente Realität.
Meine erste Begegnung mit diesen Gedanken hatte ich damals, irgendwann zwischen 1994 und 96 im Französisch-Leistungskurs bei der sehr charmanten Mme. Hubert, eine der wenigen Autoritätspersonen, die ich auch heute noch für das respektiere, was sie tat und vermittelte. Eines unserer “Sternchenthemen” (so hießen Themen-Schwerpunkte der Oberstufe in Baden-Württemberg, als ich dort zur Schule ging) war Jean-Paul Sartre und der Existentialismus. Wir haben einige seiner und Simone de Beauvoirs Werke gelesen und uns diverse Verfilmungen angeschaut. Das hat mich damals so stark inspiriert, daß ich Geschlossene Gesellschaft als Comic umsetzen wollte (ich zeichnete früher sehr viel und gar nicht so schlecht) – eines dieser Projekte, die man groß plant und ankündigt, jedoch nie umsetzt …
In Das Spiel ist aus von Sartre wird den beiden Protagonisten eine zweite Chance gegeben, indem sie nach ihrem Tod nochmal in die Welt zurück dürfen, um dort alles anders und besser zu machen. Das Bild des Jenseits im Diesseits, einer Parallelwelt der Toten, die weder in Himmel oder Hölle schmoren sondern auf einer anderen Ebene unter uns Lebenden weilen, gefiel mir sehr gut. Ich fand das zudem in der Verfilmung von Jean Delannoy sehr gelungen umgesetzt. Muß ich mal wieder anschauen: ob mir das heute noch gefallen wird?
Einer anderen, aber nicht weniger faszinierenden Parallelwelt begegnete ich neulich erst. Sie ist mir zu diesem Zeitpunkt vielmehr schlagartig bewusst geworden, denn eigentlich ist sie in urbanen Umfeldern jeden Tag unter uns. Als ich aus dem Bus ausstieg, näherte sich gerade eine blinde Frau der Tür und der Fahrer sagte unaufgefordert: “Das ist hier die Linie 4 Richtung Wildacker”. Das fand ich nett, aber vor allem bezeichnend: ich wurde dadurch nur aufgeweckt, da solch auffällige Begegnungen dieser Art eher selten sind. Meistens sind die in vielen öffentlichen Räumen vorgeschriebenen Leitsysteme für Blinde sehr diskret angebracht – seien es die Brailleschrift-Prägungen an Treppengeländern oder Fahrstuhltüren oder das dezente Klopfgeräusch an Ampeln.
Der Wahrnehmungsapparat von Menschen, die das –ich unterstelle– Glück haben, sehen zu können, orientiert sich an Millionen von visuellen Dingen der Umgebung. Wegweiser und Orientierungshilfen für Blinde sind eine nicht weniger wichtige und vor allem ubiquitäre Realität – Sehende nehmen sie nur nicht ständig wahr, da sie nicht darauf angewiesen sind.
Andere Geschichte, gleiches Thema: Circuit Bending. Beim Circuit Bending geht es darum, anhand von experimentellem Verbiegen und Umlöten elektronischer Geräte wie z.B. melodienerzeugendem Kinderspielzeug, neue Klangwelten zu erfinden. Der Ansatz gefällt mir, auch mit der Ästhetik vieler Ergebnisse kann ich etwas anfangen. Aber am besten gefällt mir die philosophische Aussage in diesem Film: “Jedes elektronische Gerät verbirgt außer des explizit vorgesehenen Outputs immer auch weitere Realitäten in sich. Beim Circuit Bending geht es darum, diese an die Oberfläche zu bringen.”.
Oder ein Ansatz, den ich seit langem beim Musikmachen verfolge, und der mir gerade beim mehrfachen Durchhören des wunderbaren Albums No More Wars von Bodi Bill wieder bewusst wurde. Das Berliner Duo benutzt neben elektronisch erzeugten Sounds auch sogenannte Feldaufnahmen, oder nennen wir es Audio-Datei gewordene akustische Auszüge aus dem Alltag. So werden für Beats auch immer wieder alltägliche Klänge wie das Klappern von Flaschen oder Aneinanderstoßen von sonstigen Gegenständen im Stereobild verteilt und damit Parallelwelten erschaffen.
Wenn wir gerade keinen iPod im Ohr haben und genau hinhören, können wir diese Dinge auch in ihrer natürlichen Form erleben: Nebengeräusche, die durch die aktuellen räumlichen Bedingungen in Kombination mit z.B. Wind repetetive rhythmische Klangmuster erzeugen. Und auf einmal rückt das scheinbar Belanglose ins Spotlight und wird Musik. Mit diesem Zusammenhang spielen Bodi Bill in meiner Wahrnehmung – sie transportieren Elemente aus der einen in die andere Realität und arrangieren sie neu.
Kiruna ist eine Stadt im hohen Norden Schwedens, mitten im Polarkreis. Die Fotos zu meinem Album wurden dort aufgenommen und ich möchte in den Bildern für immer dort sein, wobei mich der Ort als solcher eigentlich eher abschreckt.
Mit Kiruna wurde über sehr viele Jahre eine urbane Infrastruktur inklusive sehr gut ausgebautem Bahnnetz und Flughafen entwickelt. Nur leider mitten in einem scheinbar sehr ergiebigen Eisenerzbergbau-Gebiet. So hat die Regierung entschieden, daß Kiruna innerhalb der nächsten Jahrzehnte komplett um mehrere Kilometer umziehen muß. Bahngleise sollen ab- und wieder aufgebaut werden, ganze Häuser werden mit Schwerlastzügen von A nach B manövriert. Viel Spaß – und schön nachschauen, ob ihr nichts habt liegenlassen!
Das finde ich auch eine Art von Realitätsverschiebung. In ein absolutes “Wasteland”, völlig frei von Leben und menschlichen Strukturen, wird innerhalb einer kurzen Zeitspanne eine gesamte Stadt gepflanzt. Dort, wo gestern noch Stille und Leere herrschten, floriert morgen lebendiger Alltag mit all seinen Facetten. Und der ehemalige Mittelpunkt vieler Bewohner wird im Gegenzug fast schlagartig dem Erdboden gleichgemacht und einfach weggebuddelt.
Alles was wir sehen, hören, fühlen, riechen ist Sein und Schein zugleich. Was für eine schöne Vorstellung.
Und genau deswegen finde ich Erweiterte Realität (oder: Augmented Reality, Mixed Reality) ein so spannendes und elementares Themenfeld unserer Zeit.
Belem Prison.
My friend Sebastian Mayer, a photographer and artist, is currently living in Rio De Janeiro. He just uploaded a very impressive photo-set on flickr about his trip to the Belem Prison where he was supposed to take some pictures for a social organization in Brazil that is working to help improving the situation in prisons. He himself says about this trip:
‘I normally am not working as a journalist or reporter and it was an incident that I got this opportunity. After years of taking shots of more-or-less famous people (or just wannabes) I thought I could have a look onto the other side, so I agreed. I was not prepared to see things like I have seen. It was the other side of the medal, the abyss of the superficial, stylish world that I’ve had in europe.’
This is just raw material that he took with a ‘crappy digital camera’ but it is definitely worth a look. He also worked with a middleformat camera, but this stuff isn’t digitilized yet.

Accidents
Heart Cloud
It’s funny how it starts to look somehow 3d if you watch it for a while:

A turquoise texture
Johannes just had an association when he had a look at a design I’m currently working on. He then sent me a link to something (his association), which triggered an idea in my head. I’m saving this here for future reference:


