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Seele verkaufen und so

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27. May 2006, 15:07
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Eine meiner Lieblingsstories ist die über The Notwist, in der es um das Ablehnen eines unvorstellbar hohen Honorars für die Nutzung eines Notwist-Songs für einen Vodafone-Spot geht:

(…) Es regnete, aber er brauchte dringend Geld, um seiner Tocher Schuhe zu kaufen. Der Manager der Dixie Stompers gab ihm vor dem Auftritt unwirsch einen Kamm, mach endlich mal was mit deinen Haaren. Im Moment dieser Demütigung klingelte das Telefon, Vodafone rief an, sie hätten gerne das Lied „One with the freaks“ für einen weltweiten Werbespot, ehrlich gesagt sei der Spot schon fertig, und wem sie denn jetzt die 750000 Euro überweisen sollen. Micha Acher sagte, niemandem, das Lied passe nicht zu Werbung und legte auf. (…)

Die romantisch anmutende Rhetorik der Geschichte hin oder her: Eine mir in vielerlei Hinsicht eh schon höchst sympathische Band landete damit ruckzuck für alle Ewigkeiten auf Platz 1 meiner ganz persönlichen Respekt-Hitparade. Von wegen Seele verkaufen: Der Song passt nicht zu Werbung!

So, und nun hörte ich heute morgen davon (und fand per Google leider nur das hier dazu), daß für einen aktuellen NIVEA-Spot ein Le Tigre-Stück genutzt wurde. Und zwar nicht etwa so ein typisch würdeloses Werber-Plagiat, für das bekannte Hooklines bzw. Song-Charakteristika leicht abgewandelt und in den meisten Fällen inhaltlich verzerrend für Markenbotschaften missbraucht werden. Nein, das Original. Kann man hier selber überprüfen, wenn auch nur als kurzes* Loop.

Ob das schlimm ist? Nunja, es macht mir die Band nicht gerade sympathischer. Aber soweit ich das einschätzen kann, müssen Urheber in solchen Fällen um Erlaubnis gebeten werden. Klar sind solche Fragen oft komplexer als man glaubt, von dubiosen Zusammenhängen oder Politika geprägt, aber ich gehe davon aus, daß der Band die Nutzung bewusst ist. Vielleicht haben sie sich ja sogar im Gegensatz zu Notwist bewusst dafür entschieden, weil sie eben das Gefühl hatten, das Stück passe sehr wohl zu Werbung.

Kontext als Kunstform? Medien-Kidnapping? Vielleicht ja schon, aber ob das funktioniert? Schließlich machen Le Tigre äußerlich und oberflächlich betrachtet Popmusik und sind damit formal (z.B. ohne genauere Betrachtung der Texte und Hintergründe) nicht explizit “auffällig” bzw. irritierend. Für mich fühlt sich dieser Song von dieser Band in der wunderschön aalglatten (das wollte ich schon immer mal schreiben!), von konstruierten Schönheitsidealen und Geschlechterklischees geprägten NIVEA-Scheinwelt ausgesprochen komisch an.

Wir sollten mal ne E-Mail an Kathleen Hanna schreiben und nachhaken.

* Heisst das eigentlich das oder der Loop? Ist ja eigentlich auch egal, schließlich hat Brigitte Mira in Angst essen Seele auf von Rainer Werner Fassbinder ja auch “ein Cola” bestellt …

5 comments
1.
mac…
27. May 2006

Danke für den Nachsatz mit Hinweis zu “ein Cola” von Brigitte Mira - habe den Film grade vor 2 Wochen zum ersten Mal gesehen und war begeistert.

Ansonsten schöne lakonische Geste von Notwist, die mit fast so gut gefällt wie das Statement von KLF eine Million Pfund in 50er Scheinen zu verbrennen (Google Hint: “The K Foundation burning one Million Quid”)

2.
Christophe Stoll…
27. May 2006

Warst du mal bei einem Screening dabei? ;-)
Ich hab den Film (Angst essen Seele auf) übrigens noch nicht gesehen, kenne besagte Stelle nur durch ein Zitat eines befreundeten Bandprojekts (Dirty Dishes – das Stück heisst “Trink ein Cola” und ist auf der 7″ Hurra…! …Endlich Ferien! erschienen). Muß ich aber bald mal anschauen, verdammt.

3.
Silke Krieg…
28. May 2006

interessanter artikel dazu: http://harpmagazine.com/articles/detail.cfm?article_id=2717
(ich wusste gar nicht, dass vw in den staaten anscheinend für guten indie-musikgeschmack in der werbebranche steht.. ich habe den artikel letztens ergoogled, weil die band sich während des konzertes anfangs etwas weigerte ihren hit ’staring at the sun’ zu spielen, da der song anscheinend in den USA in einer VW-werbung eingesetzt wurde.)

4.
Silke Krieg…
28. May 2006

ich rede von tv on the radio..

5.
Christophe Stoll…
31. May 2006

Mehr zu den Dirty Dishes.

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